Vom Kinde aus

"Vom Kinde aus" - dieser Ausspruch ist es, welcher die Anfänge der Reformpädagogik prägt. So sieht eine Gruppe Hamburger Lehrer am Anfang des 20. Jh. erstmals das Kind als "Ausgangspunkt aller ihrer (der "evolutionistischen" Pädagogik) Erziehungs- und Unterrichtsmaßnahmen [...]" . Für den heutigen Betrachter mag eine solche Auffassung als Selbstverständlichkeit gelten. Für die damalige Pädagogik stellt dies jedoch einen klaren Sinneswandel dar, der nicht ohne massive Auswirkungen blieb. Denn in dem Moment, indem das Kind neu entdeckt und sowohl die Kindheit als auch die Jugend als eine eigenständige Phase gewertet wird, ergeben sich mannigfaltige Konsequenzen in der praktischen Pädagogik. Zuvor wurde im pädagogischen Alltag dem Kind wenig Beachtung geschenkt. Eher war es wichtig, dieses für eine reibungslose Eingliederung ins Erwachsenenleben zu präparieren. Das Individuum wurde zu jener Zeit als gering erachtet.

Die Reformpädagogen lehnten jedoch die auf Zwang und Drill aufgebaute "alte Schule" als zerstörend für die Entwicklung individueller Anlagen der Kinder ab. Es wird sogar von "Seelenmorden" in Schulen gesprochen. Die Protagonisten der reformpädagogischen Bewegung waren sich darin einig, dass sie in Opposition zur alten Schule gehen mussten. Die Ablehnung von autoritären Erziehungsmaßnahmen, wie z.B. der Prügelstrafe, war dabei eine Selbstverständlichkeit. Das Kind sollte nun gründlich beobachtet werden, um es zu verstehen. Die Phasen Kindheit und Jugend erhielten fortan Anerkennung. Auch die Art des Lernens wurde von den Reformern stark kritisiert. Die Lehrformen des Vorsagens und Nachsprechens wurden als mechanisch und wenig förderlich empfunden.

Mit der neuen Stellung des Kindes greift die reformpädagogische Bewegung letztlich die Gedanken von Rousseau und Pestalozzi auf, die das Kind als etwas Eigenes und Besonderes ansehen. Dies blieb ein Charakteristikum der gesamten reformpädagogischen Bewegung. Die Schule der Zukunft sollte eine "neue Schule" sein, die den "neuen Menschen" hervorbringt.

 

 

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[1] Ausspruch von Johannes Gläser, einem der führenden Köpfe der Hamburger Gruppe. Zitiert nach Wolfgang Scheibe, Die reformpädagogische Bewegung 1900-1932, Weinheim/Basel, 2009, S. 55.
[2] Ein Kapitel in Ellen Keys Buch "Das Jahrhundert des Kindes" heißt dementsprechend auch "Die Seelenmorde in den Schulen".