Reformpädagogik 2

Fortsetzung “Reformpädagogik – Teil 2″
Allerdings erscheint es müßig, länger auf die Frage des Beginns einzugehen, da es sich bei der Reformpädagogik nicht um ein Geburtsdatum oder sonstiges schlagartiges Ereignis handelt, sondern vielmehr um ein an verschiedenen Orten zeitgleich auftretendes Phänomen, welches von verschiedenen Visionären und Reformern getragen wird. Als vorbereitende Grundlage dienen frühere, im Zeitgeschehen als revolutionär zu begreifende pädagogische Ideen, die von den Reformern aufgegriffen und weiterentwickelt werden. Die reformpädagogische Bewegung kann nicht isoliert von der zeitgeschichtlichen Situation betrachtet werden. Eine zunehmende Industrialisierung und Verstädterung prägt zunehmend die Lebensrealität eines Großteils der Bevölkerung. Die Zeit ist durch wilhelminische Werte geprägt, was von einigen als beengend empfunden wird. Die autoritäre „Alte Schule“ wird dabei von vielen Erziehern stark kritisiert und als überholt angesehen. Insbesondere die zum Ende des 19. Jh. verstärkt geäußerte allgemeine Bildungs- und Kulturkritik bildet ein Fundament für die Akteure der reformpädagogischen Bewegung. Desweiteren bilden andere, zeitgleiche Bewegungen eine Art Begleitrahmen für die reformpädagogische Bewegung. Hierbei sind die soziale Bewegung, die Frauenbewegung und insbesondere die Jugendbewegung zu nennen. Diese sind zwar an einigen Stellen mit der reformpädagogischen Bewegung verknüpft, müssen aber als eigenständige Initiativen angesehen werden. Das Wort Bewegung in all den benannten Strömungen bezeichnete immer auch die Tatsache, dass sich verschiedene Kräfte bündelten, um etwas Neues hervorzubringen.  

Trotz dieser Einbindung der reformpädagogischen Bewegung in die Zeitgeschehnisse ist es verblüffend, wie geballt und relativ zeitnah verschiedene pädagogische Konzepte entwickelt, erprobt und teilweise im Alltag umgesetzt werden. Bereits im Jahr 1912 äußert sich Berthold Otto, einer der wichtigsten deutschen Reformpädagogen, folgendermaßen über die Bewegung: „Selten ist wohl eine so große pädagogische Bewegung durch die Welt gegangen wie seit Beginn dieses Jahrhunderts durch unser deutsches Volk; ja in manchen Nachbarvölkern scheint die Bewegung ebenso groß, wenn nicht größer zu sein. Solche Bewegungen pflegen immer der Neugestaltung von Einrichtungen vorauszugehen; und so scheint wirklich jetzt die Zeit gekommen zu sein, wo wir durch den allgemeinen Willen des Volkes zu einer gänzlichen Neugestaltung unserer Schuleinrichtungen gedrängt werden“[1].

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[1] Berthold Otto, Die Reformation der Schule, Verlag des Hauslehrers. Groß-Lichterfelde 1912, S. 1.

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