Die Musikantengilde

Fritz Jöde
Fritz Jöde, Quelle: http://de.wikipedia.org
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Die Musikantengilde

Fritz Jöde war 1918 Schriftleiter der Zeitschrift „Laute, Monatsschrift zur Pflege des deutschen Liedes und guter Hausmusik“ geworden, die ab 1922 unter dem Namen „Die Musikantengilde“ zu einem wichtigen Organ der Jugendmusikbewegung wurde.

Ein Aufruf in der Zeitschrift führte zur Bildung der ersten Lautengruppen. Diese Laien-Musiziergruppen, die anfangs vor allem aus Gymnasiasten und Studenten bestanden, fanden sich zum gemeinsamen Singen und Musizieren zusammen, wobei der Gemeinschaftsgedanke im Vordergrund stand. Die selbstgewählten Führer dieser Gruppen, unter ihnen Fritz Jöde, Karl Gofferje und Georg Götsch, sahen ihre Funktion in erster Linie in der Beratung und Ausbildung der musizierenden Jugendlichen. Sie schlossen sich 1919 zur Neudeutschen Musikergilde, später Musikantengilde zusammen. Bis 1926 waren so fast 250 Gruppen, vor allem Singkreise, entstanden, die von Berlin aus straff organisiert geführt wurden.

Viele der Musikantengilden-Führer waren Volksschullehrer, die ihre Erfahrungen aus den Laiengruppen auch beruflich umsetzen wollten. Die Gelegenheit dazu ergab sich durch die unter Kultusminister C.H. Becker und dessen Staatsekretär Leo Kestenberg vorangetriebene Reform der Schulmusik.
Die gut organisierte Struktur der Musikantengilde trug mit dazu bei, daß die Übernahme der Jugendmusikbewegung durch die Nationalsozialisten ohne große Widerstände verlief. Die Verbände der Bewegung wurden ab 1933 zu nationalsozialistischen Organisationen „gleichgeschaltet“, sofern sie sich nicht vorher selbst aufgelöst hatten.

Jöde und auch Götsch verstanden sich selbst und die Jugendmusikbewegung im Grunde genommen als unpolitisch. Aus dieser Haltung heraus bemühten sie sich, auch unter Nationalsozialistischer Herrschaft ihre Arbeit fortzuführen. Sie wollten oder konnten dabei nicht sehen, daß sie durch ihr Tun das nationalsozialistische Herrschaftssystem unterstützten. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurden auch die freien Jugendbünde verboten und die übrigen Jugendverbände in der Hitler-Jugend „gleichgeschaltet“.

Arno Klönne schrieb dazu:
Die bürgerliche deutsche Jugendbewegung bis 1933 war in ihrem politischen Denkweisen oder Gefühlswelten überwiegend so weit in der Nähe des Nationalsozialismus, daß sie sich 1933 als Teil der „nationalen Erhebung“ verstehen konnte. Diese Politikvorstellungen der Jugendbewegung beziehungsweise ihrer Mehrheit waren Zeichen einer allgemeinen politischen Fehlentwicklung des deutschen Bürgertums – aber eben nur ein Symptom neben vielen gleichgerichteten und gewiß nicht Ursache der Bewegung hin zum Faschismus. Als aber der Faschismus in Deutschland staatlich etabliert war, zeigte sich, daß in der Tradition der Jugendbewegung zugleich eine Chance systemoppositionellen Verhaltens lag. Das „autonome“ Milieu jugendlichen Gruppenlebens blieb zumindest zum Teil widerstandsfähig auch gegenüber dem totalitären Zugriff der staatlichen Jugenderziehung im Faschismus.“[1]

>> weiter zu: Georg Götsch und die „Märkische Spielgemeinde“

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[1] Klönne, Arno: Jugend im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner, 2003, S. 125.

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