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Das Musikheim von Otto Bartning

 

Das Musikheim in Frankfurt (Oder) zählt zu den bedeutendsten, wenn auch bisher wenig bekannten Werken des insbesondere wegen seiner Kirchenbauten namhaften Architekten Otto Bartning. Die 1928/29 erbaute Gesamtanlage aus Hauptgebäude, Lehrerhäusern und einem weitläufigen Garten stellt eines der wichtigsten baulichen Zeugnisse der bis heute nachwirkenden Bildungsreformen der Weimarer Republik dar.
In enger Zusammenarbeit mit Georg Götsch, dem Musikpädagogen und Mentor der Jugendmusikbewegung, setzte Bartning dessen Vorstellungen von einem adäquaten Lernort für die ganzheitliche musische Weiterbildung um. Die Einheit von Musik, Tanz und Darstellung, von Leben in der Gemeinschaft, der Bewusstheit des Handelns und Naturverbundenheit waren der prägende Grundsatz der pädagogischen Arbeit von Georg Götsch.

Otto Bartning gehörte mit Walter Gropius zu den Vordenkern der Bauhausbewegung. Nach der Umsiedlung des Bauhauses von Weimar nach Dessau wurde Bartning 1926 Direktor der als Nachfolgeeinrichtung gegründeten Staatlichen Hochschule für Handwerk und Baukunst (Bauhochschule). Anlässlich einer Musikveranstaltung lernte Bartning den Musikpädagogen Götsch kennen und schätzen. Beide waren in der Folge einander freundschaftlich verbunden.

Die kongeniale Antwort Bartnings auf Götschs Musikheim-Projekt war eine Anlage, deren rhythmisch gedachter Grundriss mit den Raumfunktionen der neuartigen Ausbildungsstätte korrespondierte, deren schlichte konzentrierte Formensprache, hoher Anspruch an Gestaltung und Materialwahl Götschs ganzheitlichen Anspruch entsprachen, deren Dialog von Innenräumen und Gartenraum die Rückbindung musischen Schaffens an die Natur ermöglichte.

Darin ist das Musikheim ein sprechendes Zeugnis der reformpädagogischen Ansätze der Weimarer Republik, und es ist eng mit führenden Persönlichkeiten im preußischen Kulturministeriums verbunden. Götsch stand in Kontakt mit Leo Kestenberg, dem Konzertpianist und Professor an der Berliner Musikhochschule, der engagiert im Kultusministerium für die Teilhabe aller Gesellschaftsschichten an musikalischer Bildung stritt und ab 1922 umfassende Reformen der Musikerziehung auf den Weg bringen konnte (Kestenberg-Reformen). Nachdrücklich befördert wurde das Musikheim-Projekt auch durch Carl Heinrich Becker. Der Orientalist wirkte seit 1916 an die Berliner Humboldt-Universität und im preußischen Kultusministerium, wo er sich um die Hochschulpolitik einen Namen machte, bevor er 1925 zum Kultusminister ernannt wurde.

Das Musikheim, ein Markstein moderner Musikpädagogik, ist durch jahrelangen Leerstand akut in seinem Bestand bedroht.
Diese Website entstand als studentisches Projekt des Studiengangs Schutz Europäischer Kulturgüter an der Europa-Universität Viadrina. Sie soll dazu beitragen, die bedeutende, heute jedoch stark vernachlässigte Anlage ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen. Denn es bedarf dringend des bürgerschaftlichen Engagements, um tragfähige Nutzungskonzepte für das Musikheim zu entwickeln und es so vor dem fortschreitenden Verfall zu retten.

Dr. Sybille Gramlich
(Brandenburgische Landsamt für Denkmalpflege
und Archäologisches Landesamt)

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